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Schlafende Hunde doch besser wecken

Schlafende Hunde soll man der Redensart nach nicht wecken. Handelt es sich jedoch um echte Hunde im öffentlichen Bereich, die schlafend zu einem gefährlichen Hindernis werden könnten, sollte man sich dem Urteil des Oberlandesgerichts Hamm (Urteil v. 15.02.2013, Az. 19 U 96/12) nach besser nicht an diese Redensart halten.

Foto: Josh Liba / Foter.com / CC BY-NC-ND

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Im Konkreten Fall hatte die 61-jährige Klägerin in einem Reitsportgeschäft eingekauft, in dem die Beklagte als Verkäuferin beschäftigt war. Beim Verlassen des Geschäfts stürzte die Klägerin über die im Eingangsbereich liegende Schäferhündin der Beklagten. Als Hundehalterin hatte die Beklagte ihre Hündin mit Zustimmung des Geschäftsinhabers regelmäßig ins Geschäft mitgenommen. Am Unfalltag hatte sich die Hündin von sich aus in den nahe des Kassenbereichs gelegenen Eingangsbereich begeben und ruhte dort so, dass sie den Zugang zum Geschäft so gut wie versperrte. Sie war von der Klägerin, hinter deren Rücken sie lag, übersehen worden, als sich die Klägerin nach dem Bezahlen zum Ausgang begab und dabei über den liegenden Hund stürzte. Durch den Sturz zog sich die Klägerin eine schwere Knieverletzung zu, für die sie von der Beklagten Schadenersatz und Schmerzensgeld verlangte.

Das OLG Hamm hat die Beklagte in der zweiten Instanz dem Grunde nach als Tierhalterin gemäß § 833 BGB zu umfassendem Schadenersatz verurteilt. Mit dem Sturz der Klägerin habe sich eine einem Tier typischerweise anhaftende Gefahr verwirklicht, die auf der Unberechenbarkeit und Selbstständigkeit tierischen Verhaltens beruhe. Die Schäferhündin sei ein gefährliches Hindernis gewesen, weil sie sich ohne Rücksicht auf das Publikum in den Geschäftseingangsbereich begeben und dort gelegen habe. Das begründe die Tierhalterhaftung. Insoweit sei nicht darauf abzustellen, dass die Hündin schlafend und damit regungslos auf dem Boden gelegen habe, als die Klägerin über sie gestürzt sei. Ein Mitverschulden der Klägerin sei nicht zu berücksichtigen, weil die Hündin für die Klägerin schwer wahrnehmbar gewesen sei. Nach dem aufgrund des Beweisergebnisses zugrunde zu legenden Hergang habe sie die Sorgfalt gewahrt, die ein ordentlicher und verständiger Mensch in der Situation zu beachten hatte, um eigenen Schaden zu vermeiden. Aufgrund der dargestellten Enge im räumlichen und zeitlichen Ablauf musste die Klägerin den Hund direkt hinter ihr beim Wegwenden von der Kasse und Hinausgehen, bei dem man den Blick -über das Tier hinweg- nach vorne geradeaus richtet bzw. kurz bei der Verabschiedung den Umstehenden zuwendet, wie von der Beklagten und einer Zeugin geschildert, auch bei gehöriger Aufmerksamkeit ungeachtet seiner Größe nicht wahrnehmen, zumal er nach unwiderlegter Einlassung flach auf dem Boden gelegen habe. Entgegen der Ansicht der Beklagten besteht in einer derartigen Situation nach der Rechtsprechung keine Pflicht, den Blick ohne einen Anhaltspunkt sofort nach unten zu richten und den Boden vor sich auf etwaige Hindernisse zu kontrollieren. Wollte man der Klägerin überhaupt den Vorwurf eines Mitverschuldens machen, so das Gericht, wäre dieses auf den Grad leichtester Fahrlässigkeit beschränkt und würde deshalb hinter dem schwereren Verschulden der Beklagten vollständig zurücktreten. Demgegenüber habe die Beklagte den Unfall fahrlässig verschuldet, weil sie die Klägerin weder gewarnt noch den Hund aus dem Eingangsbereich weggeschafft habe, obwohl sie mit ihm dort an seinem Lieblingsplatz gerechnet habe.

Eine vermeintlich kleine Ursache, mit großer Wirkung, wenn man bedenkt, dass sich die Klägerin ernsthaft verletzt hat und auf einen fünstelligen Betrag klagte, der etwaige Folgeschäden sogar noch offen ließ. Welche Summe die Klägerin tatsächlich erhalten hat, ist dem Urteil nicht zu entnehmen gewesen.

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